Spezial 1 - Warum nicht einfach mal etwas Neues ausprobieren?
20 Jahre dieselben Probleme. 20 Jahre dieselben Lösungen. Es wird Zeit für etwas Neues.

20 Jahre reden Krankenhäuser über Verbesserung – und kämpfen noch immer mit denselben Problemen. Mit den immer gleichen Lösungen. Warum probieren wir nicht endlich etwas Neues aus?
„Vielleicht sollten wir einfach mal etwas anderes ausprobieren.“
20 Jahre dieselben Probleme. Zwanzig Jahre dieselben Lösungen.
Herzlich Willkommen zu diesem kleinen Spezial. Mein Name ist Jörg Gottschalk und ich möchte mich nun einfach mal fünf Minuten wundern.
In den vergangenen Episoden habe ich ausführlich über Teamboarding gesprochen, das umfassende Führungs- und Verbesserungssystem für Krankenhäuser. Darüber, wie das System funktioniert, wie dezentrale Verbesserungsteams arbeiten und welche Rolle Führung dabei spielt.
Nachdem dieser erste Teil der Serie abgeschlossen ist, bleibt bei mir vor allem eine Frage hängen:
Warum machen das nicht viel mehr Krankenhäuser? Oder sogar alle?
Ich meine das gar nicht als Vorwurf. Ich wundere mich nur.
Seit mindestens zwanzig Jahren reden wir im Krankenhaus über kontinuierliche Verbesserung. Wir haben Qualitätsmanagement, Prozessmanagement, Change Management und viele andere Managementdisziplinen aufgebaut. Wir zertifizieren, dokumentieren, analysieren Prozesse und entwickeln Konzepte. Jetzt wird digitalisiert und über Künstliche Intelligenz philosophiert.
Und trotzdem höre ich in Krankenhäusern immer wieder dieselben Sätze, und das seit Jahren:
- Unsere Abläufe funktionieren nicht.
- Wir verlieren zu viel Zeit mit Unnötigem.
- Es herrscht Chaos und
- für Verbesserung haben wir keine Zeit.
Zwanzig Jahre mit den immer gleichen Lösungen, ohne dass die Resultate in irgendeiner Weise überzeugen könnten.
Ich wundere mich über die Beharrlichkeit, an dem alten festzuhalten und nicht neue Wege zu versuchen.
Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, einmal etwas Neues auszuprobieren.
Organisationsentwicklung und Prozessverbesserung gehören dorthin, wo die Musik spielt: in die Prozesse und zu den Menschen, die sie jeden Tag erleben. Dass dieser Weg funktionieren kann, zeigen andere Branchen – und inzwischen auch Krankenhäuser.
Teamboarding bringt kontinuierliche Verbesserung in die Breite der Organisation. Entwickelt habe ich das System im Kontext des Lean Hospital. Im Kern ist es aber nichts anderes als agile Krankenhausführung in der Praxis.
Warum also nicht einfach mal beginnen und ausprobieren? Genau das frage ich mich.
Nicht gleich im ganzen Krankenhaus. Nicht als großes Transformationsprojekt. Und schon gar nicht mit dem Anspruch, vorher alles perfekt geplant zu haben. Drei oder vier Bereiche reichen. Dazu ein kleines Team, das diese Bereiche unterstützt. Und dann beginnt man.
Nach einigen Monaten kann man sich sehr genau anschauen, was passiert ist. Arbeiten die Teams tatsächlich an ihren Problemen? Entstehen Verbesserungen? Funktioniert die Unterstützung? Wie verändert sich die Rolle der Führung? Und vor allem: Ist das Ergebnis die investierte Zeit wert?
Vielleicht funktioniert manches hervorragend. Vielleicht läuft ein Team nur mittelmäßig. Und ziemlich sicher wird es irgendwo auch Schwierigkeiten geben. Man wird genau sehen, warum es dort gelingt, und dort nicht. Das System lernt.
Eine meiner wichtigsten Erfahrungen aus vielen Veränderungsprozessen lautet:
Man muss die Schubkarre anschieben, um zu hören, wo sie quietscht.
Und es gibt noch eine zweite:
Man versteht sein Führungs- und Organisationssystem erst dann wirklich, wenn man beginnt, es zu verändern.
Deshalb halte ich Ausprobieren für einen ziemlich vernünftigen Weg. Teamboarding verlangt am Anfang keine gewaltigen Investitionen und keine Entscheidung für das gesamte Krankenhaus. Man kann klein beginnen, Erfahrungen sammeln und dann selbst beurteilen, ob daraus mehr werden soll.
Und meine Prognose wäre: Wenn es in einigen Bereichen wirklich funktioniert, wird man andere Bereiche nicht lange davon überzeugen müssen. Sie werden irgendwann selbst fragen, ob sie mitmachen können. So war es bislang immer.
Vielleicht ist das am Ende sogar die bessere Form von Veränderung: nicht erst alle überzeugen zu wollen, sondern etwas entstehen zu lassen, das andere überzeugt.
Ich würde mich sehr freuen, wenn in den nächsten Monaten einige Krankenhäuser genau diese Neugier aufbringen. Nicht weil Teamboarding die richtige Lösung sein muss. Sondern weil es interessant genug ist, um herauszufinden, was damit möglich ist.
Damit verabschiede ich mich für ein paar Wochen in die Sommerferien. Spätestens im September bin ich wieder auf Sendung. Dann mit dem Thema „Stationsleitung – das ungenutzte Gold“.
Bleiben Sie gesund – und neugierig
Ihr Jörg Gottschalk


